Dienstag, 29. November 2011

26.10.2011 (Mittwoch), über den 25.10.2011 (Dienstag)


Oha, oha, oha.
Grade eben habe ich eine Rundmail einer Freundin gelesen, die für ein Jahr in Peru ist. Ich weiß nicht, ob ich das vielleicht nicht hätte tun sollen.
Eine neue Kultur, die WIRKLICH ganz anders ist, als die deutsche. Viele neue Eindrücke, Menschen, Erlebnisse, eine tolle Natur.

Nun, aber erst noch über den Dienstag:
Bei der wöchentlichen Austauschrunde erfuhren wir, dass wir am 2. und 4. Wochenende im November an zwei Animateurtreffen teilnehmen würden. Es gab eine kleine, unnötige Diskussion, an welchen Daten diese Wochenenden denn dann liegen würden. Nach einem intensiven Blick in einen Kalender war das Thema dann vom Tisch.
Tisch. Ein gutes Thema.
Dort saßen wir bei der Zeitung, und tüteten wie immer die 1000 Zeitschriften ein. Wie langsam die Zeit verging! Der Stapel wollte einfach nicht kleiner werden, während unsere Finger immer mehr schmerzten und sich immer dunkler von der Druckerschwärze färbten. Vielleicht lag das daran, dass wir schon länger nicht mehr dort gewesen waren und wir die Arbeit schlicht nicht mehr gewohnt waren.
Nach Feierabend nutzte ich das freie WI-FI-Netz eines Restaurants zum Surfen. Um dort nicht schief angeguckt zu werden, bestellte ich mir einen Saison-Salat. Vor Augen hatte ich einen wunderbaren Salat. Oliven. Große Salatblätter. Käse. Tomaten. Gurken. Schafskäse. Rucola. Tolle Gewürze.
Auf meinem Tisch standen dann Tomaten und Gurken. Jeweils circa 5 Scheiben. Auf vier Stellen des Tellers war Schnittlauch gestreut worden. Gewürze, Öl und Essig musste man selber hinzufügen. Das erklärte dann den Preis von umgerechnet einem Euro fünfzig.
Nachdem Lotte in ihren Taschen noch gerade genug Geld für eine Fahrt mit dem Linienbus auftreiben konnte, ich den Weg zur Tram wegen Geldmangels zu Fuß zurücklegen musste und dies in einer erstaunlichen Zeit schaffte, kamen wir gleichzeitig, und nur um gute drei Minuten verspätet, am Abend in Stub an.
Es ging los. Während sich Lotte und Monika (die uns unterstützende Bosnierin) mit der kleinen Gruppe beschäftigten, besprach ich mit der großen Gruppe zunächst die Hausaufgaben (es war kein großes Interesse zu verzeichnen), bevor die Zeit für meine bemalten Zettel gekommen war. Zu ihnen fiel den Kindern / Jugendlichen die erwünschten Verben ein und das Sätzebilden klappte auch ganz gut.
Es ist echt ungemein schwierig als praktisch unerfahrene „Kursleiterin“ vor circa 30 jungen Leuten zu stehen, ihre Freude an deutschen unregelmäßigen Verben und komplizierten Artikeln zu wecken, während das eigene Handy oder das andere Geschlecht praktisch uneinholbares Interesse hervorruft. Aber gleichzeitig macht es mir dann doch auch Spaß. Es immer ein interessanter Moment, wenn ein Jugendlicher dort bemerkt, dass 45-minütiges Mitmachen keinesfalls die eigene Coolheit mindert und dass die Spiele der deutschen Lena auch mal Spaß machen können.
Den Rückweg traten wir dann mit Monika an. Gemeinsam warteten wir auf die Straßenbahn und stiegen, obwohl wir nicht in ihre Richtung fahren mussten, auch zusammen ein.
Denn Monika hatte uns zu sich nach Hause eingeladen. Klar, warum nicht? Total nett von ihr!
All das, was ich in der Dunkelheit von ihrem Wohnviertel erkennen konnte, sah schön aus. Da ich kein großer Fan von Dunkelheit bin, war ich froh, an ihrem Haus anzukommen. Ihr sehr großer Hund kam bellend angelaufen. Trotz seiner Größe und Aussehens ein echt lieber!
Wir saßen dann im Wohnzimmer und unterhielten uns über alles Mögliche. Wie lustig es war! Bald kam auch Monikas Schwester dazu. Auch sehr nett! Für ein Jahr war sie in Hardehausen gewesen und kann so noch gut Deutsch. Im Moment bereitet sie sich auf einen wichtigen Deutschtest vor, der ihr ermöglichen wird, in Wien zu studieren. Ich werde ihr die Daumen drücken! (Das Übungsbuch ist ziemlich krass!)

24.10.2011


Frei, frei, frei!
Diesen Tag musste ich nutzen, um Familie Mujo zu besuchen! Da am vorigen Tag die geschlossenen Einkaufsläden mir ihr Babyklamottensortiment leider nicht zur Verfügung gestellt hatten, machte ich mich noch einmal auf den Weg. Es sollte etwas kleines werden; eine Mütze oder Handschuhe.
Als ich heute Morgen fertig war, machte ich mich also auf den Weg durch unsere Straße. Als weiteres kleines Mitbringsel hätte ich ein paar Fotos toll gefunden; ein paar Schnappschüsse des Tages, als Mama und ich sie besucht hatten. Perfekt vorbereitet, mit den Fotos auf meinem Stick, kam ich in den Fotoladen neben unserem Hauseingang.
Der Mann erkannte mich, und musste mir dann traurig sagen, dass ich erst um 13 Uhr wiederkommen könne, da er gerade einen großen Auftrag bearbeiten musste. Das hörte und sah ich dann an der laut rappelnden Fotodruck-Maschine. Schade, dass ich keine Fotos mitnehmen konnte, aber da war wohl nichts zu machen.
Da bei der letzten Begegnung mit Mujos Familie die Kommunikation, aufgrund von sich nicht überschneidenden Sprachkenntnissen eher umständlich abgelaufen war, war ich trotz einer Vermutung nicht sicher, ob sie im Februar ein Mädchen bekommen hatte.
So hatte ich mich entschlossen, etwas universales, eher etwas jungenhaftes, zu kaufen. Die könnte ein Mädchen ja auch tragen; andersherum wäre das schon schwieriger.
Zum Glück sprach die Verkäuferin gut Englisch. So konnte ich ihr erklären, was ich suchte, was nicht und vor allem, wie alt das Kind ist.
Und da im Regal hing das perfekt Stück: eine blau-grün gestreifte Mütze. Zwar nicht allzu günstig für eine Babymütze, aber es war mit das Nützlichste und Kleinste im Laden gewesen. Nur leider erstickte die Verkäuferin dann all meine Freude im Keim: Die Mütze sei zu klein für ein Kind von circa acht Monaten. So suchte ich dann weiter, und entschied mich dann für ein schlichtes blaues Sweatshirt-artiges Oberteil. Weiter ging es dann im Supermarkt weiter unten an der Straße, wo ich noch zwei Breigläser und Bonbons kaufte. Und schon konnte es zur Bushaltestelle gehen.
Sehr bald klopfte ich an die (wir mir auffiel neue) Tür von Mujos Haus. Letzterer öffnete mir auch. Und sein Gesicht verzog sich zu einem breiten Lächeln. Er sagte Etwas auf Kroatisch zu mir, ich verstand es leider nicht, erahnte aber, dass er mir klar machen wollte, dass nur er zu Hause sei.
Gerade als ich die Schuhe abgestreift hatte, kam seine zweite Tochter um die Ecke. Man könnte meinen, das Grinsen liegt in der Familie, denn auch sie lächelte breit als sie mich sah und umarmte mich beherzt!
Im warmen Wohnzimmer begann dann eine einfache Unterhaltung. Ich versuchte möglichst viel Kroatisch / Bosnisch anzuwenden. Und das schien sie echt zu freuen! Wahrscheinlich waren sie zudem vom Kontrast zwischen meinen damaligen „Kroatischkenntnissen“ und meinen jetzigen minimalen Grundkenntnissen überrascht.
Sie brühten mir einen Tee auf, erzählten mir über ihre Nichte / Enkelin (meine Vermutung war dann doch richtig gewesen) und zeigten mir viele Fotos (echt sehr süß das Baby!!!). So erfuhr ich, dass die Kleine an diesem Tag nicht zu Hause war, und meine herausgehört zu haben, dass sie bei ihrem Vater war. 8 Monate ist sie nun alt!
Der erste Sohn der Familie kam auch dazu. Er ließ sich aufs Sofa fallen, grinste mich an und schaute dann Fernsehen.
Als mir dann einfach nichts mehr einfiel, was ich mit den Dreien reden könnte, war es ein wenig still um den Wohnzimmertisch. Ich schlürfte meinen Tee und bestaunte die Wallnüsse, die mir Mujos Tochter in meiner Plastiktüte geschenkt hatte. Ebenfalls schenkte sie mir ein Foto ihrer Nichte. Mensch, ich fand das war eine tolle Geste!
Als ich ungefähr eine Dreiviertelstunde da gewesen war, sagte ich, dass ich mich auf den Heimweg machen würde. Ich schlüpfte grade in meine Treter, als die Mutter der Familie hereinkam. Wow, wie schön es war, sie zu sehen. Mit ihr unterhielt ich mich auch kurz und versuchte ihr zu erklären, warum und wie lange ich hier bin, dass meine Eltern in Deutschland sind und dass ich sie zu Weihnachten wiedersehe. Beim Abschied herzte sie mich dann sehr, und sagte „Vidimo se sutra!“. Nun, ich weiß nicht, ob sie verstanden haben, dass wir uns am nächsten Tag nicht sehen würden (da war ihre Enkelin wieder da), aber es war echt toll, sie lachen zu sehen. Ich bekräftigte „Vidimo se!“ und machte mich dann auf zur Bushaltestelle.
Was war dort angesagt? Ja, genau. Warten.
Nach einer Kleinbusfahrt an der Hauptbushaltestelle angekommen, begann dann das extreme Warten.
Total hungrig kam ich in Sarajevo an. Diesem Gefühl ging ich nach, stillte es und erfreute mich dann an den Stufen hoch zur kath. Schule, denn viele kroatische Verben, Substantive, Konjugationen, Deklinationen und unsere Lehrerin warteten auf mich / uns.
Der Tag kam mir irgendwie komisch. Kein richtiger Alltag, und trotzdem sehr stressig. Ich fühlte mich auf eine Art nicht vollkommen. Abends bereitete ich noch den Deutschkurs für den nächsten Tag vor; malte kleine Bilder, zu denen den Kindern dann ein Verb einfallen sollte. Und es stand noch so viel an ich hätte noch so viel machen können. Aber ich schaffte es einfach nicht; die Woche ist teilweise einfach so, so, so voll und ich komme nur zu wenig.

23.10.2011


Wie viel österreichischer Flair in Sarajevo steckt, das wurde uns noch einmal an diesem Sonntag bewusst.
Das Café, parallel zur Hauptbummelstraße Sarajevos gelegen, hätte auch zwei Straßen hinter der Wienerischen Karlskirche zu finden sein koennen: viele Verzierungen, Teppiche, antike Möbel, gemütliche Sessel. In denen versanken wir praktisch und wurden wir  mit warmem Kakao  und heißem Kaffee verwöhnt. Bei den wohltuenden Getränken quatschten Lotte und ich mit Herrn Wacker und Clemens Reit, die uns in das traditionelle Café einluden.
Am vergangenen Samstag für diesen Tag verabredet,  wollten wir die letzten Stunden ihres Aufenthaltes hier zusammen verbringen und über die jetzige Situation, unseren Alltag, unsere bisherigen Erfahrungen und einiges mehr reden. So habe ich die Zeit noch einmal reflektiert. Mir ist aufgefallen, dass ich selber relativ wenig über all das nachgedacht habe und mir Gedanken gemacht habe. Tat gut mal wieder andere Meinungen zu hören, sich auszutauschen und einfach zu reden.
Nach circa zwei Stunden stand dann der Abschied an, und bald waren Lotte und ich wieder alleine durch die Straßen der bosnischen Hauptstadt unterwegs.
Wieder in Dobrinja angekommen, stiegen Lotte und ich zusammen die Stufen zu unserer Wohnung hoch; ich kurz darauf wieder herunter, um Babyanziehsachen für Mujos Familie zu kaufen, dich ich morgen endlich mal besuchen will (eine Familie, die ich letztes Jahr im Camp kennenlernte. Mit meiner Baugruppe war ich bei ihnen gewesen und wir hatten ihre, man kann sagen Hütte, renoviert. Anfang dieses Jahres besuchte ich sie mit Mama bei unserem Kurzurlaub und wir fanden heraus, dass die älteste Tochter schwanger war).

22.10.2011


Um 13:30 Uhr ging es los.
Nur leider schaffte ich es nicht rechtzeitig, da ich ein Geschenk für meine Oma definitiv noch zu Ende basteln musste.
Bald war alles geschafft, und ich konnte mich mit einem sehr guten Gefühl auf zum Jugendhaus machen. Das wurde aber auch Zeit, denn es war schon kurz nach halb vier.
Denn dort an der Baustelle wurde an diesem Tag der Grundstein für das neue Jugendhaus gelegt. Es würde ein richtiges Fest werden, denn die Menschen hatten so lange auf diesen Tag gewartet. Über zehn Jahre!
Als ich ankam bemerkte ich, dass auch Herr Wacker gerade angekommen war. Er betrat die Baustelle gerade und begrüßte die ersten Leute. So auch Lotte, zu der ich unterwegs war. Auf dem Weg dahin packte Ivana Klacar (eine Mitarbeiterin des Jugendhauses) mich, denn ich sollte während der Messe ein Buch zum Kardinal bringen. Alles klar, mache ich, nema problema! Dann war ich auch schon bei Lotte und begrüßte Herrn Wacker mit einer Umarmung. Es war echt toll ihn zu sehen!
Dann ging auch bald die Messe los, von der ich unglaublich viel verstand. Nein. Nur Sachen, wie z.B. die Wandlung und die Abschlussworte. Den Weg zum Kardinal mit dem Buch in meinen Händen meisterte ich ohne Zwischenfälle. Genauso, wie das Überreichen und das Zurückgehen zu meinen Platz. Ivana zeigte mir mit ihrem Daumen, dass ich meine Aufgabe meisterhaft erledigt hatte. Sie ist so verrückt ;-)
Mit Herrn Wacker und seinem Begleiter Clemens Reit verabredeten wir uns für den kommenden Tag auf einen Kaffee.

21.10.2011


Zunächst waren im Spielzimmer der Mjedenica, kurz nachdem ich ankam, wie immer nur wenige Kinder; nach und nach füllte sich der Raum, und parallel gab es immer mehr zu tun. Mariana kramte vom Schrank einen Luftballon herunter, und so spielte ich mit einem Jungen und einem Mädchen Fußball mit Betonung aufs Köpfen. Ein anderes Mädchen wollte, dass ich ihr wieder das Knie kitzelte (dieses Kitzeln mit den Fingerspitzen auf dem Knie). Ein autistischer Junge kam zu mir gelaufen, umarmte mich und küsste mich circa eine Minute in den Nacken. Ein anderer Junge sagte oft meinen Namen, seit er ihn vom Fußballspielen her wusste. Marijana frage, ob wir uns morgen sehen würden und erzählte, dass auch die Schule Mjedenica Sachen verkaufen wird. Und deshalb fing ich dann an, Postkarten und Lesezeichen zu basteln. Dafür konnte ich Mandalas und bunte Bilder der Kinder benutzen. Und ich gab mir echt Mühe: Überlegte, wie ich die Bilder benutzen kann, wie ich sie zerschneiden kann, damit sie am besten wirken und bestmöglich aufgeteilt werden. Die Resultate beeindruckten Mariana. Zunächst war sie recht skeptisch, weil ich es kompliziert machte und ziemlich lang für das erste Werk brauchte. Ihre Einstellung änderte sich bald und es schien, dass wie echt froh war, denn für solche Sachen hat sie natürlich kaum Zeit, und wenn, dann nicht viel.
Bald füllte sich der Tisch, die Kinder kamen zwischendurch oft vorbei, es wurden immer mehr Schnipsel und Abfälle.
Nach dem Mittagessen startete Mariana in der Sporthalle ihr Volleyballprogramm; ich blieb mit ein paar Kleinen zurück. Ein autistischer Junge war auch dabei. Er lief immer zum Fernseher, den ein Mädchen gerade eingeschaltet hatte, machte ihn aus, oder zog gleich die Stecker heraus. Das versuchte ich dann immer zu unterbinden. Und es klappte natürlich nicht. Der Junge ist sehr eigenwillig, und selbst wenn er mich verstehen würde, würde er wahrscheinlich nicht auf mich hören. So rief ich immer „Ne!“ (das bosnische Wort für „nein“), nahm in an der Hand und zerrte ihn weg zur Couch oder zur Spielecke; was ich mir auch hätte sparen können. Natürlich rannte er dann sofort wieder los.
Nach und nach kamen die anderen dann wieder. So wurde es für mich ein wenig entspannter, da Mariana ja auch wieder anwesend war.
Sie bestaunte noch öfter meine Karten, wir fingen an aufzuräumen und bald war es dann Zeit zu gehen.

20.10.2011

Heute Morgen hieß es für Lotte und mich wieder „getrennt aufstehen“ (denn Lotte fängt donnerstags und freitags ja immer eher an zu arbeiten). Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, gegen sieben Uhr aufzustehen und dann joggen zu gehen. Ich hatte es mir vorgenommen. Das mit dem umsetzen habe ich nicht richtig hinbekommen.
Dafür profitierte unsere Wohnung dann von meiner Müdigkeit. Denn der Esstisch wurde abgeräumt und ordentlich gesäubert. Das Waschbecken wurde geschrubbt. Die gewaschenen Kleider zusammengelegt. Meine Sachen im Schlafzimmer aufgeräumt.
Dazu raffte ich mich endlich dazu auf, einige Postkarten zu schreiben.
Gegen halb 11 machte ich mich dann auf den Weg zur Behindertenschule. Unterwegs erfuhr ich, dass Lotte nicht im Raum sei, sondern mit einer deutschsprechenden Betreuerin in einem Töpferraum.
Und so war es dann auch. Im Raum war ich dann mit Marijana und zwei Kindern allein. Ich spielte mit den Kindern und später trug ich dazu bei, dass die Wand bunt wird. Also Blätter und eine Wolke gebastelt und damit die Wand beklebt.
Zwischendurch kam Lotte mit der Betreuerin rein. Sie scheint echt nett zu sein, und hat Lotte schon angeboten, dass wir etwas mit ihr unternehmen können.
Eine halbe Stunde vor Feierabend gingen wir mit den Kindern in die Stadt. Das hieß: zu einem großen Markt. Im Eingangsbereich verstand ich, warum unser Weg dorthin führte: an einem Stand mit Eierverkauf, saß ein Junge mit Down-Syndrom; neben ihm vermutete ich seine Mutter.
Nahezu die ganze Gruppe schien ihn zu kennen. Auf jeden Fall begrüßten sich alle mit einer „High 5“. Ein schöner Moment!
Während sich Marijana und die Mutter unterhielten, trat ein Kunde an den Stand und kaufte einige Eier. Das bedeutete eine Einnahme, mit der die Mutter zum Kiosk am Eingang rannte und allen eine Tafel Schokolade kaufte. Sehr süß!
Nach dem Verabschieden schlenderten wir über den Markt, bevor es dann wieder hinaus in die Innenstadt ging. Da die Kinder wohl Lust auf sportliche Kleidung hatten, schlenderten wir danach durch ein Sportgeschäft.
Bald waren wir am Berg der Mjedenica angekommen. Dort verabschiedeten wir uns; ich marschierte zur Busstation, griff dort in meine Jackentasche… und fand den Schlüssel zum Zimmer oben in der Behindertenschule (Marijana hatte ihn mir vor unserem Stadtbummel gegeben). Oh nein!
Der Raum war aufgeschlossen, die Gruppe saß auf der Couch, aß Schokolade und wartete auf den Abholdienst.
Alle freuten sich ziemlich, als ich im Türrahmen stand. Mariana entschuldigte sich, dass sie kein Handy dabei hatte.
Dann machte ich mich bald wieder auf den Weg.
Beim Deutschkurs hatten wir vor, Zahlen und einen etwas schwierigeren Zettel durchzunehmen. Das ABC konnten die Kinder ganz gut auswendig.
Bald stand die Gruppeneinteilung an. Lotte fragte, wer von den Kindern schon die Zahlen könne und wer noch nicht. Unsere Wunschvorstellung waren zwei circa gleich große Gruppen. Die Realität: 3 Kinder in Gruppe A. Die anderen in Gruppe B.
Jawoll, ich freute mich. Nicht. Denn nun war es so, als wenn ich praktisch alleine Unterricht machen würde. Aber da musste ich dann wohl durch. Und ich nahm es an. So teilte ich erst den Zettel mit den unterschiedlichen Küchenutensilien aus, die die Kinder zählen sollten. Das hatte keine große Wirkung. Denn sie kannten die Zahlen ja schon, waren nicht wirklich motiviert und hatten gleichzeitig mehr Spaß am Reden und Quatschen. Ich merkte, dass es keinen Sinn machte, mit dem Zettel weiter zu machen.
So teilte ich den zweiten Zettel aus. Er behandelte die Monate, Jahreszeiten und die Kinder mussten kurze Sätze bilden. Ich erklärte kurz die Aufgaben und ließ die Kinder dann beginnen.
Doch kurz darauf stellte ich fest, dass ich eine Aufgabe nicht ausreichend erklärt hatte. Das bedeutete dann, dass dieses dann praktisch jedem Kind erklärt musste. Das war nicht immer einfach, aber irgendwie hat mir das Spaß gemacht. Vor allem, als die Kinder meine englischen Erklärung verstanden haben und auch richtig umsetzten.

19.10.2011


Da unser morgendliches Treffen mit Lucija verschoben worden war, fand es am Mittwoch, den 19.10. stand.
Ich begann über die Zeit mit der Gruppe zu reden. Ich sagte, dass einerseits toll war, neue Leute zu treffen, kennenzulernen, ihnen die Stadt und unsere Arbeit zu zeigen und sich mit ihnen auszutauschen. Andererseits war es komisch, mit so vielen Leuten auf einmal wieder Deutsch zu reden. Außerdem kam ich wieder in das deutsche Leben und Denken hinein; sie alle erinnerten mich so sehr an meine Heimat.
In Egipat war es dann entspannt und schön. Denn heute hatte ich nicht viele Kinder. Zu Beginn einen unglaublich süßen Jungen. Wenn wir zum Beispiel das englische Wort „clap“ lesen, klatscht er immer in die Hände. Er kam irgendwann auf die Idee, mir Kroatisch beibringen zu wollen. Alle englischen Wörter, die wir lernten, sagte er immer noch einmal auf Kroatisch und ich musste sie nachsagen. Er war ziemlich begeistert, wenn ich eines aussprach. Doch langsam wurde es dann anstrengend, denn anscheinend hatte er vergessen, dass ich ihm eigentlich etwas beibringen wollte und so stand ihm der Kopf bald nicht mehr nach Englisch. Doch das musste ja sein. Also überzeugten ich ihn und Englisch wurde fortgesetzt.
Später half Lotte dem großen Bruder des kleinen Jungen. Er ist das Englischtalent! Wie er uns immer wieder beeindruckt mit seinen Kenntnissen.
Aber er ist nicht nur sprachbegabt, er ist auch lernsüchtig. Schon am Montag wollte er unbedingt kleine, von Lotte geschriebene Tests ausfüllen. An diesem Tag bekam er gar nicht genug davon. Nach zweien war noch lange nicht Schluss. „Za kontrola!“ Doch irgendwann war dann Essenszeit. Schwester Anja holte uns und auf dem Flug quatschten wir ein wenig mit ihr. Währenddessen trat ein Mädchen auf den Flur, sah Schwester Anja und es gab kein Halten mehr. Sie stürmte auf sie zu, sprang in ihre Arme und klammerte sich an ihr fest.
Ich fand diesen Moment sehr schön. Wie die beiden einfach strahlten. Wie die Liebe zur anderen Person praktisch aus ihren Augen und Mündern heraussprang. Das Mädchen unterstrich ihre Bindung zu der Nonne und drückte ihr alle paar Sekunden Küsse auf die Wange. Schwester Anja lachte einfach nur. Irgendwie hat mich die Situation bewegt und berührt. Es muss nicht sein, dass das Mädchen und ihre Schwester keine Eltern mehr haben; es ist höchstwahrscheinlich so, dass ihre Familie weit außerhalb Sarajevos lebt  und so nicht für den Schulbesuch ihrer Kinder einstehen kann. Wahrscheinlich sind es liebevolle Eltern.
Aber trotzdem ist es für Ana bestimmt nicht leicht. In einem Heim leben zu müssen. Von der Heimat und der Familie getrennt sein zu müssen. Und Gefühle auszuhalten, die Kinder aus Familien ohne Geldprobleme sich nicht vorstellen können. Und da schien die Nonne ein Anker zu sein. Ich muss sagen, ich hätte als Kind vor einer Nonne in ihrer Kleidung viel Respekt, wahrscheinlich schon eine Art Angst gehabt. Aber heute bei dem Mädchen war das das Gegenteil. Und ich kann nicht genau sagen warum, gar es beschreiben, aber das fand ich schön.
Nach dem Mittagessen ging es dann für Lotte mit dem Jungen weiter. Da er immer noch verrückt nach den Tests war, hieß es für Lotte sich wieder zwei bis drei Aufgaben ausdenken. In der Zeit stapelte er dann immer das große Wörterbuch des Hauses und mein kleines Langenscheidt, nahm sich sein Radiergummi, hielt es in einem bestimmten Winkel zum Tisch und schnipste es dann mit dem Ziel, mein kleines Wörterbuch umfallen zu lassen. Schnell zog er mich mit in das Spiel ein und so versuchte auch ich mein Glück.
Ein einfaches Spiel zum Zeitvertreib. Einfach, aber dafür hatten wir umso mehr Spaß. Was für unglaubliche und lustige Flugbahnen das Radiergummi einschlug.