Sonntag, 16. Oktober 2011

30.09.2011, ueber den 28. und 29. und 30.09.2011



28.09.2011
 
Ausnahmsweise am Mittwoch stand die Gesprächsrunde mit Lucija an. Die Busfahrer und die Regierung waren wohl immer noch nicht auf einen Nenner gekommen, denn auch an diesem Morgen warteten wir vergeblich an der Haltestelle. Wir hielten schon Ausschau nach einem Taxi, als an der Station ein Combi hielt. Der Fahrer unterhielt sich durchs Fenster mit einer nett aussehenden Frau. Diese fragte Lotte und mich dann auf Englisch, wo wir hinmüssen. Otoka (der Stadtteil des Jugendzentrums) wäre kein Problem! Wir überlegten, denn es ist ja nicht immer eine gute Idee zu fremden Leuten ins Auto zu steigen. Aber hier ist das Einsteigen zu Fremden in ihr Auto einfach gängiger und wir wohnen jetzt nun mal hier. Vergleichend ist ein Taxifahrer natürlich seriöser, bleibt aber auch ein Fremder. Also hinten auf die Sitze niedergelassen, und schon ging die Fahrt los. Zufällig sind wir dann direkt am Jugendhaus vorbeigefahren. Wir riefen „Stop, stop“, wollten das vorher rausgesuchte Geld nach vorne geben, doch der Mann lehnte dankend ab. Das hat mich überrascht.
Wir redeten mit Lucija über die Woche, wie es uns geht, was uns schwer fällt usw.
Anschließend sind wir zur Tramstation Otokas gelaufen, denn Lucija hatte gesagt, dass dort ein Bus in Richtung Innenstadt fahren würde. Natürlich war der mehr als überfüllt – die Türen gingen gar nicht mehr zu. Das hieß dann für uns: Wieder rein in ein Taxi. Abgesetzt im Stadtteil Skenderija haben Lotte und ich den anschließenden Weg zum Waisenhaus  Egipat zu Fuß zurückgelegt.
Dort ging es zunächst für kurze Zeit im oberen Raum kurzzeitig zu zweit weiter – Lotte half einem Mädchen mit Deutsch; bei mir saß die Nonne, die gerne ihr Deutsch vertiefen möchte. Doch bald merkten wir, dass das keinen Sinn machte, denn an dem kleinen Tisch wurde es einfach zu laut und keiner konnte sich konzentrieren. Deshalb setzten die Schwester und ich die Einheit in einem anderen Raum fort. Es war ganz gut, allerdings auch anstrengend, weil ich nicht richtig wusste, wie ich die Regeln und all das erklären sollte. Vor allem beim Übersetzen half größtenteils das Wörterbuch.
Mit leicht rauchendem Kopf ging es dann wieder hinauf, einem 6-jährigen Mädchen wie jede Woche helfen. Sie ist echt süß; ihre braunen Augen sind einfach riesig und sie hat einfach so ein schönes Kindergesicht. Sie zu motivieren fällt mir oft nicht schwer. Und mit Lotte und „ihrem Schützling“ konnten wir des Öfteren beherzt lachen.
Nach dieser Einheit gab es Essen – K Ö S T L I C H ! ! !
Danach kamen dann ein Junge und ein Mädchen. Beide total gegensätzlich. Er kann Englisch gut, gibt sich immer Mühe und ihm macht es auch Spaß, während letztere eher unmotiviert ist, nach kurzer Zeit keine Lust mehr hat. Allerdings war es mit beiden dann viel besser als gedacht.
Nach zwei folgenden Einheiten, so gegen viertel vor fünf, waren wir fertig, suchten die Hauptstraße nach einem kostengünstigen Taxi ab und ließen den Abend nach dem Einkaufen in unserem Wohnzimmer ausklingen.
Bei erwähntem Ausklingen überbrachte uns die Erzieherin der Behindertenschule die Info, dass wir am kommenden Tag frei hätten, da der Streik immer noch im Gange sei.

29.09.2011
FREI! Also geschlafen bis in die Puppen. Naja, bis viertel nach neun. Beim Aufstehen fühlte ich mich überhaupt nicht gut – mein Schnupfen hatte sich verschlimmert, dazu kamen auch noch Halsschmerzen.
Am späten Nachmittag machten wir uns fertig, denn es sollte in die Stadt ins Internetcafé gehen. Ursprünglich hatte ich vor, die Stecke zu Fuß zu gehen und hatte gute zwei Stunden eingeplant. Voller Tatendrang spazierten wir dann durch ein uns bis dahin unbekanntes, sehr schönes Wohngebiet. Bis wir dann wieder auf die Straße trafen. Und was sahen wir? Einen Trolejbus! Bisher immer beäugt als die aus der Schweiz importierten, langsamen, veralteten, leicht heruntergekommenen Busse, entdeckte ich ihren Wert völlig neu! Also hinein und in Richtung Stadtmitte

30.09.2011
Heute Morgen standen Lotte und ich wieder getrennt auf – zwei Stunden länger schlafen hieß das wieder für mich. Nach dem Aufstehen und Frühstücken besuchte ich den „Hipermarket“ des Mercators unseres Wohngebietes. Denn Lotte hat ja am 05. Oktober Geburtstag, und diesen Tag möchte ich ihr mit einem Marmorkuchen versüßen. Die fehlenden Kuchenzutaten fand ich nahezu ohne die Unterstützung meines Wörterbuches problemlos. Anschließend trat auch ich den Weg zur Schule an. Ich fühlte mich echt nicht gut. Eine laufende Nase, Kopf – und Halsschmerzen.
Im Spieleraum lief es dann wie jeden Morgen ab. Wachsam sein, damit wir die Erzieherinnen unterstützen können gucken, dann und wann mit den Kindern puzzeln oder malen. Zur Feier des Tages durfte ich ein Eichhörnchen für Marijanas Projekt (das Zimmer herbstlich gestalten) malen. Die Kinder waren begeistert, was sehr süß war.
Nach dem Essen sollte ich mich nur noch kurz mit dem großen Mädchen an einen Tisch setzen, denn sie würde eher als sonst abgeholt werden.
Als Lotte sich verabschiedete, ging es wieder in die Sporthalle. Da ich krankheitsbedingt nicht mitspielen konnte, schaute ich, dass sich die Kleineren nicht verletzten und half ihnen dann und wann. Das war ganz schön und wir lachten viel.
Da Lotte nach Feierabend ja nicht in meiner Nähe war, konnte ich den Gitarrenladen am Fluss der Stadt suchen, den ich vom Sehen kannte. Der Verkäufer konnte zum Glück Englisch, und ich entschied mich dann für vier dieser Plättchen, sowie einen Halter dafür und dieses Ding, was das Spielen erleichtert (Hiermit entschuldige ich mich bei allen Gitarren-Experten: ich habe keine Ahnung von den Fachausdrücken ;-) )
Dann konnte ich mich auf den Weg zu Lotte machen. Wir aßen einen echt leckeren Burger bzw. Sandwich, und stiegen in den Bus, der uns in Richtung Schule fahren sollte. Denn heute sollte ja der Sprachunterricht stattfinden (Sanja hatte ihn am Donnerstag verschoben).
Nach den 45 Minuten sind wir wie immer nach Hause gefahren. Morgen werden wir uns mit anderen Freiwilligen treffen. Was genau wir tun und was uns erwartet, das wissen wir noch nicht.

27.09.2011, eine Stadt steht still


Der heutige Tag fing sehr, sehr gut an.
Nicht.
Die hiesigen Bus- Tram – und Trolejbusfahrer streikten heute.
Eigentlich ja eine gut nachvollziehbare Sache und etwas, was in Ordnung ist.
Aber nicht, wenn man dies an der Trolejbusstation erfährt und dann keine Ahnung hat, wie man in die Stadt zur Arbeit kommen soll. Also riefen wir Lucija, unsere hiesige Vertrauensperson, an.
Sie meinte, dass unsere morgendliche Gesprächsrunde sowieso ausfallen würde. So suchten wir einige Zeit später unten an der Hauptstraße nach Taxen. Es fuhren viele vorbei. Jedoch waren diese alle voll und nahmen keinen mehr mit. Keine drei Sekunden, nachdem wir Lucija erneut anriefen, hielt ein Taxi, wir stiegen ein uns ab ging’s! Der Fahrer sprach Englisch und war sehr, sehr nett (er fragte z.B., ob es uns stören würde, wenn er rauchen würde. Das kann man eine Art Wunder nennen. Denn man bedenkt, wir sind hier in Bosnien. Die einzigen Menschen, die hier nicht rauchen, sind Babies. Naja, also fast ;-) ). Gar nicht so spät kamen wir dann bei der Zeitung an und die Arbeit begann.
Nach der feierabendlichen Stärkung beim ersten Mc-Donald’s-Besuch krallten wir uns wieder ein Taxi; dieses Mal war es ein Fahrer mit Deutschkenntnissen, da er in Frankfurt gelebt hatte.
Bald darauf füllten wir einen Mercator-Einkaufswagen mit Essbarem und die dortigen Kassen mit unseren KM (Konvertiblen Mark). Anschließend beehrten wir unsere Wohnung mit unserer Anwesenheit :)

Dienstag, 4. Oktober 2011

24.09.2011, „Dann können wir quatschen! Wir verstehen uns ja!“

Gestern stand hauptsächlich Ausruhen auf dem Programm. Ich frühstückte und ließ alles langsam und ruhig angehen. Bald startete ich mit Saugen, Aufräumen und Putzen. Es wäre eine Lüge, würde ich behaupten, ich hätte mich danach nicht besser gefühlt.
Gegen 14:45 Uhr kam Lotte von einer Seligsprechung wieder (es ging um Nonnen im zweiten Weltkrieg. Dafür musste sie um halb sieben in der Früh an einem Treffpunkt sein. Mir war das aber einfach zu viel, und gesundheitlich ging es mir nicht gut. Dazu kam, dass wir vergangenes Wochenende schon ein straffes Programm hatten und die vergangene Woche anstrengend war). Bald legte sie sich schlafen und ich machte mich noch einmal auf den Weg durch unser Viertel. Auf dem Weg durch das Treppenhaus traf ich unten im Hauseingang eine ältere Frau; ein kleines Mädchen an der Hand. Ich hielt ihr die Tür auf, sie sagte etwas auf Bosnisch und ich antwortete. Dabei hatte ich das Gefühl, etwas Deutsches gehört zu haben; also sagt ich etwas auf Deutsch zur ihr Und tatsächlich, sie antwortete in meiner Muttersprache. Während des Krieges war auch sie in Deutschland gewesen; ihre Kinder wurden dort geboren. Das eine, ihre Tochter, besucht eine Medizinschule. Definitiv war die Frau sehr, sehr nett. Sie ließ sich von mir erklären, warum ich bzw. wir hier sind und lud uns dann auf eine Tasse Kaffee ein. „Dann können wir quatschen! Wir verstehen uns ja!“ Eine tolle Begegnung! Lotte und ich hoffen so, die ersten Kontakte knüpfen zu können.

23.09.2011

Fair play auf Bosnisch
Am Freitag brachen Lotte und ich zu unterschiedlichen Zeiten zur Arbeit auf: Sie sollte um acht Uhr da sein, was dann Aufstehen um 6 Uhr bedeutete, ich dagegen wieder um 11 Uhr. Für die Erzieherin war es wichtig, dass ihre Kollegin morgens unterstützt wird, damit diese zum Beispiel Kinder wegbringen bzw. abholen kann und das Zimmer gleichzeitig beaufsichtigt ist.
Vor und nach dem Mittagessen ging es dann wieder mit dem großen Mädchen in den kleinen Raum. An diesem Tag war es für mich irgendwie schwierig, eine gute Beschäftigung zu finden und sie bei Laune zu halten. Es ging einfach nicht so locker, wie an den Tagen und in der Woche zuvor.
Als Lotte sich nach ihrer Schicht verabschiedete, machten wir uns gerade auf den Weg in sie Sporthalle. Da der Junge, auf den sie aufpassen musste, aber noch da war, hatte ich in der Halle ein Auge auf ihn. Das war nicht so leicht für mich: Denn der autistische Junge tollte auf diesen großen Schaumstoffgebilden in Dreieck – und Brückenform herum. Ich fand das eigentlich gut, denn grade bei autistischen Kindern ist es ja häufig so, dass das Körperliche unterentwickelt ist und sie sich deswegen nur wenig bewegen. Dieser Junge aber tat das und zudem passte ich ja auf, dass nicht passierte. Außerdem hatte er Spaß (auch wenn es aus „normalen“ Augen betrachtet eher komisch ist, wenn ein Kinder im immer gleichen Schema über eine Bank läuft, anschließend auf eine dicke Turnmatte klettert, um dort eine Rolle zu machen und dann ein dreieckiges Gebilde hochläuft, von dort herunterspringt, um dann wieder von vorn zu beginnen). Die Erzieherin bat mich jedoch, ihn dazu zu bringen, auf der Bank sitzen zu bleiben. Das tat er dann. Für 30 Sekunden. Ich hätte ihn gerne laufen lassen, fragte mich aber, was die Erzieherin dann über mich denken würde und hielt den Jungen am Oberkörper, den Füßen und Armen fest. Das gefiel ihm gar nicht und er begann sich zu wehren. Ganz schön viel Energie konnte er aufbringen! Bald dachte ich mir „Was soll’s? Ich achte ja darauf, dass er sich nicht verletzt“ und ließ ihn mit meiner Unterstützung seine Runden drehen. Probleme mit der Erzieherin gab es nicht. Sehr bald wurde er dann abgeholt.
So gesellte ich mich zum Rest der Gruppe und begann, Volleyball mitzuspielen. Dabei wurden zwei Gruppen mit der Erzieherin und mir jeweils als Leiterin eingeteilt, und wir spielten so, dass derjenige, welcher den Ball entweder unkontrolliert und für die anderen unerreichbar spielt, und / oder derjenige rausfliegt, der einen gut erreichbaren Ball der anderen nicht verwerten kann. Sehr bald wurde es anstrengend, denn zwei etwas ältere Kinder spielten auf unfaire Weise (dazu muss gesagt werden, dass wir bei ihnen eine Art Lernschwäche vermuten. Auf allgemein festgelegte Weise „geistig behindert“ scheinen sie nicht zu sein): Die beiden spielten so, dass die anderen Kinder möglichst schnell rausfliegen. Dazu sprangen sie immer zur Seite, wenn ein Ball auf sie zugeflogen kam und taten allgemein so, dass nahezu jeder Ball, der für sie bestimmt war, schlecht gespielt war. Die betroffenen Kinder winkten sie dann immer gehässig weg und riefen „Ciao!“. Ich sah mir das ein paar Mal an, weil ich nicht genau wusste, ob oder wie ich eingreifen sollte. Dann griff ich durch und machte klar, wer in jeder Runde „rausfliegen musste“. Das gefiel den beiden natürlich gar nicht, und sie begannen mit, ich nenne es mal Nervtaktik. Das ignorierte ich so gut es ging.
Nach einiger Zeit wurden die Gruppen getauscht, und ich spielte mit den Kindern, die das Pritschen nicht so gut beherrschen. Sie sollten sich dafür auf eine Höhe mir gegenüber stellten, damit ich abwechselnd zu jedem Kinde pritschen konnte. Die ersten Runden ging es auch ganz gut; dann fingen zwei Jungen an, bei den für die anderen bestimmten Bällen dazwischen zu greifen. Förderlich für den Spielfluss war das nicht. Ich machte ihnen mit deutschen Wörtern und Zeichensprache klar, dass sie aufhören sollen oder aber auf die Bank wandern. Ab dann wurde es besser.
Ich vermute, dass das alle Kinder dort „gute“ Kinder sind. Vor allem die beiden letzten Jungen waren mir vorher gegenüber nett gewesen und sympathisch erschienen. Wie das so oft ist, wollten sie sich glaube ich einfach nur aufspielen und fühlten sich cool. Bei dem Jungen und dem Mädchen aus meiner Gruppe ist es so, dass sie ohne Eltern sind und sie wissen, dass sie, um gut durchzukommen, ihren Kopf durchsetzen und für sich selbst kämpfen müssen.
Das hat die Erzieherin mir später ebenfalls erzählt, nachdem ich wir noch draußen waren und ich mit den beiden und einem weiteren Jungen Fußball gespielt hatte. Ich sagte ihr, dass ich mir das sehr gut vorstellen und das auch nachvollziehen kann.
Nach der Arbeit traf ich mich wieder mit Goran. Wir machten uns auf den Weg zu ihm nach Hause (Ja,so  sah ich natürlich die süße Frau Drinic wieder. Sie bedankte sich noch einmal für das Körnerkissen, das ich ihr mitgebracht hatte: „Viele Dank für Denken an meine Gesundheit!“). Wir  genossen den Ausblick vom Balkon des Hauses und wurden von Frau Drinic mit einem Fruchtcocktail (Obst aus dem eigenen Garten) verwöhnt. Dabei führten wir echt gute Gespräche.
Zu Hause hatte Lotte ein fabelhaftes Essen gekocht: Gnocchi angebraten, dazu tolle selbstgemachte Pilzsauce und Salat. Himmlisch!
(Vorab möchte ich kurz erwähnen, dass ich mich entschlossen habe, die Namen der Kinder und der Erzieherinnen nicht zu veröffentlichen. Deshalb bitte nicht wundern, dass immer nur die Rede von „dem Jungen“ , „dem Mädchen“ und „der Erzieherin“ ist. Natürlich weiß ich ihre richtigen Namen ;-) )

Sonntag, 25. September 2011

die bosnische Hauptstadt von oben

das Kinderheim "Egipat"

noch einmal der Blick von oben